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Der Fänger im Roggen - J. D. Salinger 
Holden Caulfields Haar ist, vielleicht etwas zu symbolschwanger, auf einer Kopfseite bereits ergraut, die zu erwartenden Schrecken des Erwachsenseins vorwegnehmend. Abscheu prägt seine Wahrnehmung der verlogenen? - dies ist Holdens Lieblinsadjektiv - zur ausnahmslos verlogenen Erwachsenenwelt. Andererseits wäre er aber der Peinlichkeit enthoben, bei Alkoholbestellungen in den Bars nach seinem Alter gefragt zu werden und könnte endlich richtigen Sex haben.
Der neugierige Blick in die erleuchteten Hotelfenster bietet ihm allerdings nichts als ein groteskes Spektrum von Perversionen. Und der Versuch mit einer ihm vom Fahrstuhlführer angebotenen Prostituierten endet damit, dass er vom Zuhälter zusammengeschlagen wird.

Als Prostitution schlechthin erscheint ihm das Wesen der Erwachsenenwelt im american way of life. Seinen Bruder, einen begabten Schriftsteller, verachtet Holden, der Filme hasst, weil dieser sich in Hollywood "prostituiert". Reaktiv idealisiert er seine anderen Geschwister: Der Bruder Allie ist vierzehnjährig an Leukämie gestorben, somit durch den Tod vom Sündenfall des Erwachsenwerdens bewahrt geblieben; an Phoebe, die zehnjährige Schwester, ist Holden durch sublimiertes inzestuöses Begehren fixiert.

Nachdem die immer trostloseren Versuche, die Einsamkeit durch panische Taxifahrten, Verabredungen, Bar- und Jazzlokalbesuche zu bannen, gescheitert sind, kommt es zur heilsamen Krise.

Als er sich von Phoebe verabschieden will, um ein der Erwachsenen-Zivilisation entrücktes Blockhaus-Leben zu führen, besteht die Schwester darauf, mit ihm zu gehen, was von ihm, der hier erstmals wie ein verantwortlicher Erwachsener handelt, zurückgewiesen wird. Um sie zu beschwichtigen und abzulenken, lässt er sie auf einem Karussell fahren und erlebt bei ihrem Anblick einen euphorischen Zustand oder das, was James Joyce Epiphanie genannt hat.

Zitat: "Mann, es regnete nun wie blöd. Wie aus Kübeln, das schwöre ich bei Gott. Alle Eltern und Mütter und alle liefen zum Karussell und stellten sich unters Dach, damit sie nicht bis auf die Haut nass wurden oder was, aber ich blieb noch eine ganze Weile auf der Bank sitzen. Ich wurde richtig quietschnass, besonders der Kragen und die Hose. (...) Aber das war mir egal. Ich war auf einmal so verdammt glücklich, als die gute Phoebe da immer im Kreis fuhr. Fast hätte ich noch geheult, so verdammt glücklich war ich, wenn ihr’s ganz genau wissen wollt. Warum, weiß ich nicht. Sie sah einfach nur so verdammt nett aus, wie sie da in ihrem blauen Mantel und so immer im Kreis fuhr. Gott, ich wünschte, ihr hättet auch dabei sein können."

Die zehnjährige Phoebe ist, freilich ohne es zu ahnen, Holdens Therapeutin. Sie trägt den Namen einer der griechischen Mondgöttinen, die ja wie Hekate und Selene für Zauberei zuständig sind. Phoebe ist nicht nur bezaubernd, sondern übt, ohne es zu ahnen, Therapie-Zauber aus. So etwa in dem einige Seiten vor der Karussell-Szene stattfindenden nächlichen Gespäch in ihrem Kinderzimmer, in das sich Holden geschlichen hat.

Zitat: "Dir gefällt gar nichts, was passiert." Als sie das sagte, wurde ich noch deprimierter.
"Doch. Doch. Klar gefällt mir manches. Sag das nicht. Warum sagst’n das, Mensch?"
"Weil’s so ist. Keine Schule gefällt dir. Tausend Sachen gefallen dir nicht. Das ist so."
"Nein! Da liegst du falsch, genau da liegst du falsch! Warum musst du das sagen, Mensch?" sagte ich. Mann, wie sie mich deprimierte.
"Weil’s so ist", sagte sie. "Nenn mir eine Sache."
(...) "Eine, die mir richtig gefällt, meinst du?" fragte ich sie. Aber sie gab mir keine Antwort. Sie hing irgendwie schräg ganz am anderen Ende des Bettes. Sie war ungefähr tausend Meilen weg. "Los, antworte mir", sagte ich.
"Eine, die mir richtig gefällt, oder eine, die mir etwas gefällt?"
"Eine, die dir richtig gefällt."

Das hätte Alfred Adler oder der von einem Exlehrer Holdens erwähnte Wilhelm Stekel kaum besser gemacht.
In der amerikanischen Literaturkritik wurden die zehn Jahre nach dem 1951 erschienenen Roman häufig als die Salinger-Ära bezeichnet, und in Deutschland setzte die von Heinrich Böll 1962 bearbeitete unzulängliche Erstübersetzung aus dem Jahr 1954 einen anhaltenden Gegenakzent zur meist drögen Nachkriegsliteratur. Zur Kultfigur wie in den USA wäre der Antiheld Holden Caulfield womöglich geworden, hätte es bereits vor fünfzig Jahren die Neuübersetzung von Eike Schönfeld gegeben. Bölls Diktion bringt es allenfalls zu einer etwas aufgerauhten Erwachsensprache, zimperlich und prüde, als wäre Holden Caulfield im Haus ohne Hüter geboren.

„Somebody’d written "Fuck you" on the wall“, von Schönfeld wörtlich übersetzt, liest sich bei Böll höchst enigmatisch „Jemand hatte "dich ..." an die Wand geschrieben.“ Das herrlich idiomatische „Innarested in a little tail tonight?“, also „Intressiert annem kleinen Fick heut Nacht?“ (Schönfeld) heißt bei Böll: Soll ich Ihnen 'ne Kleine ins Zimmer schicken? Dementsprechend sind die „very big knockers“ dann auch nicht sehr dicke Möpse, sondern ein mächtiger Busen und vollgekotzte Taxis mutieren zu neckischen Erbrech-Taxis.

Kurz und gut: für den deutschen Leser ist Salingers Roman nach fünfzig Jahren neu zu entdecken. Und die Zeit ist ihm sicher günstig, da der tragikomische Rebell Holden Caulfield uns vielleicht wieder näher steht nach den Politheroen der 60er, den Schmerzensmännern und -frauen der Selbsterfahrungsliteratur der 70er Jahre und den anschließenden Handkeschen Heilssuchern.
17.12.06 15:17
 


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